News

Finanzierung von Wärmenetzen in Bürgerhand – Interview mit Klaus Pfalz

Das Interview mit Klaus Pfalz, Kundenbetreuer der VR VerbundBank eG HessenLand, gibt Einblicke in die Finanzierung genossenschaftlicher Wärmenetze. Im Mittelpunkt stehen die wichtigsten Schritte auf dem Weg zur Finanzierung, die Rolle von Banken und Kommunen sowie Erfahrungen aus zahlreichen Bürgerenergieprojekten.

Guten Tag Herr Pfalz. Was ist Ihre Rolle bei der VR Verbundbank eG HessenLand?

Ich bin dort Kundenbetreuer und habe gerade mein 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Im Jahr 2009 kam auf uns ein erstes Energiedorf mit dem Wunsch zu, es bei der Errichtung eines Nahwärmenetzes zu begleiten. Seitdem habe ich 25 solcher genossenschaftlicher Wärmenetz-Projekte betreut, in der Größenordnung von ca. 50 bis 300 Anschlussnehmenden. Ich gehe bei solchen Anlässen auch gerne abends auf Bürgerveranstaltungen, um mir einen Eindruck von den Menschen und ihrem Projekt zu machen. Etwas bewegen zu können ist mir wichtig, und ein Dorf bei einem solchen Vorhaben zu begleiten, ist eine Aufgabe, die mir viel Spaß macht. Da ich neben meiner Arbeit als Bankberater selbst in einer Genossenschaft aktiv bin – der Solarwärme Bracht eG – kenne ich beide Welten gut.
 

Wenn man als engagierte Bürger*innen oder Bürgerenergie-Initiative die Chance für ein Wärmenetzprojekt im eigenen Ort erkennt – wie sollte man das Thema Finanzierung angehen?

Ich würde empfehlen, schon frühzeitig mit der Bank Kontakt aufzunehmen und vorzufühlen, ob sie grundsätzlich Interesse hat, sich mit einem Wärmenetz zu beschäftigen. Denn viele tun sich schwer damit, weil es ein komplexes Thema ist und viel Expertise erfordert. Die Initative sollte unbedingt von den Bürgern selbst kommen, vor allem in kleinen Kommunen. Da die meisten Banken keinen eigenen Bereich für das Thema haben, ist es wichtig, die Bank von Anfang an mitzunehmen. Ob die Bank Interesse hat, merkt man z. B. schnell daran, ob sich ein Berater findet, der auch einmal zu einer Bürgerveranstaltung mitgeht. Der Berater sollte am Thema Interesse und vielleicht sogar Spaß haben.
 

Welche großen Kostenblöcke (z. B. Vorstudien, Machbarkeitsstudien, Infrastruktur & Erzeugungsanlagen etc.) entstehen üblicherweise bei der Finanzierung von Wärmenetzen und wofür sind Bankkredite besonders relevant? Gerne nach Priorität.

Bei den ersten Kostenblöcke (Vorstudien etc.) spielt die Bank i.d.R. noch keine große Rolle, denn zu diesem Zeitpunkt gibt es ja auch noch keine Rechtsform, die Voraussetzung ist, um einen Kredit zu erhalten. Bei der Finanzierung einer Vorstudie können aber auch Kommunen aushelfen. Die Bürger müssen sich erst einmal organisieren, dann genügend Anschlussnehmer finden, indem sie im „Häuserkampf“ mit Fragebögen und viel Überzeugungsarbeit genügend Interessierte finden. Erst dann geht es an die rechtliche Umsetzung, zumeist in Form einer Genossenschaft. Ein Genossenschaftsverband klärt dann die wirtschaftliche und rechtliche Tragfähigkeit des Projekts. Nur mit einem positivem Testat kommt es zu einer Eintragung im Genossenschaftsregister.  

Danach kann man bei der BAFA das BEW-Modul 1 für die Machbarkeitsstudie beantragen. Wenn eine positive Machbarkeitsstudie vorliegt, ist ein Antrag für BEW-Modul 2 möglich. Modul 2 umfasst alle Maßnahmen von der Installierung der Erzeugungsanlagen über die Wärmeverteilung bis zur Übergabe der Wärme an die versorgten Gebäude, wenn sie einen Beitrag zur CO2-Reduktion und Effizienzsteigerung des Wärmenetzes leisten. Sobald eine Förderzusage für Modul 2 vorliegt und die voraussichtliche Wirtschaftlichkeit des Wärmenetz attestiert ist, kommt die Bank ins Spiel. Sie stellt dann Fremdkapital zur Verfügung, um das Vorhaben umsetzen zu können.
 

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Eigenfinanzierung, Bankfinanzierung und Förderung?

Die BAFA gewährt für Investitionen in den Bau von Wärmenetzen und in die entsprechende Infrastruktur einen Zuschuss von 40 Prozent der förderfähigen Ausgaben. Die Genossenschaft übernimmt in der Regel mindestens 10%, und rund 50 % finanziert die Bank. Man rechnet in der Regel mit einer tilgungsfreien Anlaufzeit während der Bauphase von rund zwei Jahren und anschließend 25 Jahren Tilgungszeit, um einen interessanten Wärmepreis zwischen 15 und 20 Cent/KWh anbieten zu können.
 

Wie nehmen Sie die Rolle der Kommune in diesem Prozess wahr – auch im Zusammenhang mit der kommunalen Wärmeplanung?

Kommunen haben z. B. im Rahmen der Wärmeplanung die Möglichkeit, Impulse für Bürgerenergieprojekte zu setzen. In der Anfangsphase solcher Projekt können sie Hindernisse reduzieren: Z. B. durch die Finanzierung einer Vorstudie, denn Bürger finanzieren das ungern aus der eigenen Tasche wegen des ungewissen Ausgangs; oder indem sie ein Bürgerhaus für Treffen zur Verfügung stellen; oder indem sie bereits ein Bauleitverfahren anstoßen, auch wenn noch unsicher ist, ob sich ein Grundstück z. B. für einen Wärmespeicher eignet – wie es bei uns in Bracht der Fall war. 

Wichtig sind auch kommunale Bürgerschaften, um die Investitionskredite für den Bau eines Wärmenetzes abzusichern. Üblicherweise beziehen sich solche Bürgschaften auf Fremdkapital, das über 25 Jahre bereitgestellt wird, wobei die Kommune für 80% des langfristigen Darlehens bürgt. Wenn die Kommune parallel dazu mit der Genossenschaft einen Gestattungsvertrag abschließt, in dem zugesichert wird, dass im Falle einer Insolvenz das Netz in die Hände der Kommune übergeht, ist das Risiko für sie überschaubar. Für die Bank verringert sich durch solche Bürgschaften das Kreditausfallrisiko. Sie ist dann eher bereit, Fremdkapital zu gewähren, vor allem bei Projekten im zweistelligen Millionenbereich. Der Vorteil für die Genossenschaft ist, dass sich ihre Kreditkonditionen verbessern, was 1,0 bis 1,5 Prozent Differenz beim Zins ausmachen kann.
 

Was sollte man beachten, wenn man als Bürgerenergiegemeinschaft einen Bankkredit beantragen möchte? Welche Kriterien legen Banken dafür üblicherweise an?

Ganz wichtig sind folgende Punkte:

  • Man sollte mit einem erfahrenen und zuverlässigen Planer arbeiten, der den Markt kennt und z. B. in der Planung realistische Kostenschätzungen macht, z. B. hinsichtlich der Kosten für die Gesamtmaßnahme sowie der Betriebskosten etc. 
  • Der Business Plan muss wirtschaftlich plausibel sein, besonders bezüglich der Wärmebedarfe für verschiedene Haustypen und der erwarteten verkauften Wärmemenge. 
  • Ankerkunden sind ebenfalls ein wichtiger Faktor. Wobei man aber auch sagen muss, dass sich viele Genossenschaften nicht als Unternehmen verstehen, die Profite generieren. Sie verstehen sich eher als eine Gemeinschaft, die in Zusammenarbeit ein Netz errichtet hat, das jetzt in ihrem Eigentum ist. Falls ein größerer Ankerkunde einmal ausfällt, ist man daher auch eher bereit, einen höheren Wärmepreis zu bezahlen. Im Übrigen muss man ja dann auch weniger Wärme bereitstellen, was wiederum weniger Kosten erfordert.
     

Was möchten Sie zusammenfassend engagierten Bürger*innen empfehlen, die ein Wärmenetzprojekt planen und umsetzen möchten?
  

  • Früh die Bank einbinden, dort interessierte Ansprechpartner identifizieren und Bankvertreter in die Arbeit reinschnuppern lassen, z. B. durch Einladung zu Treffen – solche Schritte schaffen Vertrauen.
  • Auch bei der Kommune Vertrauen aufbauen, dort Möglichkeiten für Unterstützung ausloten, z. B. für die Finanzierung einer Vorstudie oder später für eine kommunale Bürgschaft.
  • Sich mit bestehenden Genossenschaften vernetzen und von deren Erfahrungen und Kontakten profitieren.

Zum Schluss: Für den Erfolg eines genossenschaftlichen Wärmeprojekts sind Leidenschaft und Leidensfähigkeit entscheidend, weil es immer wieder Rückschläge, Hürden und Steine gibt, die man aus dem Weg räumen muss. Man macht das ja alles ehrenamtlich. Trotzdem nehmen die Menschen, die es wirklich ernst meinen, diese Herausforderungen bewusst in Kauf und arbeiten mit Ausdauer weiter. Wenn sich mehr solche Menschen finden und auf den Weg machen, wird die Wärmewende auch auf dem Land gelingen.
 
Wir danken Klaus Pfalz für das Interview!
  

 
Kontakt

Klaus Pfalz, Firmenkundenbetreuer & Handlungsbevollmächtigter, VR VerbundBank eG Hessenland
Email: klaus.pfalz@vr-verbundbank.de