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Eine BEG entsteht nicht von allein: Wie Kommunen Bürger*innen für eine Gründung gewinnen können

Die Samtgemeinde Meinersen zeigt im Projekt Heat it!, wie aus kontinuierlicher Bürgerbeteiligung eine konkrete Gründungsinitiative für die lokale Energie- und Wärmewende entstehen kann. 

Viele Kommunen möchten die Wärmewende vor Ort voranbringen, stoßen dabei aber an Grenzen: In der Verwaltung fehlt es an Personal, für Planung und Umsetzung stehen nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung und für den Aufbau eines Wärmenetzes wird zusätzliches Fachwissen benötigt. Eine Bürgerenergiegemeinschaft (BEG) kann hier eine wichtige Partnerin sein. Sie kann Bürger*innen an Entscheidungen beteiligen, privates Kapital mobilisieren und Aufgaben bei der Entwicklung, Finanzierung oder Umsetzung von Projekten übernehmen.

Doch was kann eine Kommune tun, wenn es vor Ort noch keine BEG und auch keine fertige Gründungsinitiative gibt? Die Samtgemeinde Meinersen, Pilotkommune im Projekt HEAT it!, zeigt einen möglichen Weg. Dort hat sich aus verschiedenen Beteiligungsprozessen eine Gruppe entwickelt, die derzeit die Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft vorbereitet. Die Gründung ist für Oktober 2026 geplant.

Das Beispiel macht deutlich: Eine Kommune kann eine Genossenschaft nicht einfach „bestellen“. Sie kann aber einen verlässlichen Rahmen schaffen, engagierte Menschen zusammenbringen und ihnen den Schritt vom Interesse zum eigenverantwortlichen Handeln erleichtern.

Eine Bürgerenergiegemeinschaft lebt vom überwiegend ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder. Der Impuls zur Gründung lässt sich deshalb nicht beliebig von außen erzeugen oder verordnen. Die Motive der Beteiligten können dabei unterschiedlich sein: Manche möchten den Klimaschutz vor Ort voranbringen, andere ihre Energieversorgung selbst mitgestalten, gemeinsam mit Menschen aus der Nachbarschaft etwas Dauerhaftes schaffen oder die regionale Wertschöpfung stärken. Hinzu kommen der Wunsch nach Selbstwirksamkeit und die Möglichkeit, eigenes Kapital sinnvoll in lokale Projekte zu investieren. Damit aus diesen unterschiedlichen Interessen ein gemeinsamer Gründungswille entsteht, braucht es ein konkretes Vorhaben, Vertrauen in den Prozess und die Erfahrung, tatsächlich etwas bewirken zu können. Die Kommune kann dafür den Rahmen schaffen und den „Funken“ unterstützen – überspringen muss er letztlich jedoch bei den Bürger*innen selbst. 


Nicht mit der Genossenschaft beginnen, sondern mit den Menschen

Am Anfang des Prozesses in Meinersen stand noch nicht die konkrete Idee einer Energiegenossenschaft. 2022 berief die Verwaltungsleitung zunächst einen Bürgerrat ein. Rund 30 Menschen zwischen 16 und 81 Jahren wurden nach Kriterien wie Alter, Geschlecht und Herkunft aus den verschiedenen Mitgliedsgemeinden ausgewählt. Gemeinsam unter der Federführung mit dem Ordnungsamt Jürgen Olfermann beschäftigten sie sich mit der Frage, was in der Samtgemeinde verbessert werden könnte.

Dabei äußerten die Teilnehmenden auch den Wunsch, sich an der Energie- und Wärmewende zu beteiligen. Entscheidend für den weiteren Prozess war, dass die Verwaltung die Ergebnisse ernst nahm: Heinz Schmitz, ehemaliger Klimaschutzmanager der Samtgemeinde Meinersen, hat den Beteiligungsprozess von Beginn an begleitet und maßgeblich mit angestoßen. Nach Aussage von Schmitz wurden acht der zehn vom Bürgerrat benannten Anliegen innerhalb weniger Monate aufgegriffen. Dazu gehörten beispielsweise Verbesserungen der Kommunikation und neue bürgernahe Verwaltungsangebote – etwa die mobile Beantragung von Ausweisdokumenten in Altenheimen und eine Ausgabestation am Rathaus, an der fertige Dokumente unabhängig von den Öffnungszeiten abgeholt werden können. So entstand Vertrauen auf beiden Seiten. Die Bürger*innen erlebten, dass ihre Vorschläge tatsächlich etwas bewirken können. Zugleich stellte die Verwaltung fest, dass ihre anfängliche Sorge, der Bürgerrat könne unrealistische Forderungen stellen, sich nicht bestätigte. Eher forderte der Bürgerrat nach realistischen und nachvollziehbaren Verbesserungen.

Für andere Kommunen lässt sich bereits daraus aus der Samtgemeinde Meinersen eine wichtige Erkenntnis ableiten: Zunächst sollte die Kommune herausfinden, welche Themen die Menschen vor Ort beschäftigen, wobei sie mitwirken möchten und welche Probleme gemeinsam gelöst werden sollen. Daraus kann sich dann die Gründung einer BEG ableiten. Die BEG ist kein Selbstzweck, sondern eine mögliche Organisationsform für ein Vorhaben, das vor Ort als sinnvoll und notwendig wahrgenommen wird. 

Beteiligung braucht Kontinuität und sichtbare Ergebnisse

Auf den Bürgerrat folgte in der Samtgemeinde Meinersen ein Kommunaler Entwicklungsbeirat (KEB), ein Format der Berlin Governance Platform gefördert durch die E.ON Stiftung, für welches sich die Samtgemeinde beworben hatte. Darin beschäftigten sich erneut rund 30 Menschen aus verschiedenen Ortsteilen, Altersgruppen und gesellschaftlichen Zusammenhängen über mehrere Termine hinweg mit der Wärmewende. Die Treffen wurden professionell moderiert. Gemeinsam erarbeiteten die Teilnehmenden Empfehlungen, die anschließend der Politik übergeben wurden. Die Beteiligung der Bürger*innen an der Umsetzung der Wärmewende spielte darin eine zentrale Rolle.

Nach Abschluss des Entwicklungsbeirats wollten etwa zehn bis 15 Personen weiterarbeiten. Sie waren motiviert, wussten aber noch nicht, wie sie selbst konkret aktiv werden konnten. Der damalige Klimaschutzmanager Heinz Schmitz nahm erneut persönlich Kontakt mit ihnen auf und brachte die Idee einer Energiegenossenschaft ins Gespräch. Mit der Aufnahme Meinersens als Pilotkommune in das Projekt Heat it! erhielt der weitere Prozess zusätzliche fachliche und organisatorische Unterstützung.

Gerade dieser Übergang ist entscheidend: Eine Interessensbekundung ist noch keine Gründungsbereitschaft. Wer nach einer Veranstaltung lediglich mit dem Hinweis „Bei Interesse können Sie sich melden“ nach Hause geschickt wird, wird häufig nicht aktiv. Kommunen sollten deshalb Kontaktdaten erfassen, Interessierte zeitnah erneut ansprechen und einen konkreten nächsten Schritt anbieten.

In Meinersen war zudem die Erfahrung wichtig, dass der Beteiligungsprozess nicht nach der Übergabe eines Empfehlungspapiers endete. „Die Menschen wollen Ehrlichkeit, Offenheit und Zuverlässigkeit“, fasst Heinz Schmitz zusammen. Wenn Ergebnisse folgenlos bleiben, kann Beteiligung mehr Frust als Motivation erzeugen. 

Persönliche Ansprache und unterschiedliche Kompetenzen zusammenbringen

Für die Mobilisierung nutzte die Samtgemeinde verschiedene Zugänge. Im Rahmen der Kommunalen Wärmeplanung (KWP) fanden zwei Akteursworkshops und zwei Bürgerinformationsveranstaltungen statt. Das Thema einer möglichen Bürgerenergiegemeinschaft wurde dort bewusst eingebracht. Ergänzend setzte die Kommune auf Presse- und Onlinekommunikation, Interessentenlisten und persönliche Telefonate.

Gezielt adressiert wurden unter anderem Handwerker*innen, Schornsteinfeger*innen, Energieberater*innen, Landwirt*innen, Betreiber von Biogasanlagen, lokale Unternehmen und Vertreter*innen des Finanzsektors im Rahmen der Akteursworkshops, die verpflichtend für die KWP waren. Dadurch kamen Menschen zusammen, die unterschiedliche Kenntnisse, Kontakte und Perspektiven einbringen und sich in diesem Kontext über die Rolle einer möglichen BEG in der Samtgemeinde austauschen konnten.

Diese Vielfalt ist für eine Gründungsinitiative wichtig. Erfahrungsgemäß interessieren sich zunächst viele Menschen für technische Fragen. Eine Bürgerenergiegemeinschaft benötigt aber ebenso Personen, die sich mit Finanzen, Satzung, Organisation oder Öffentlichkeitsarbeit befassen. Kommunen sollten deshalb nicht nur allgemein zur Beteiligung aufrufen, sondern lokale Schlüsselpersonen und Multiplikator:innen persönlich ansprechen. Gleichzeitig sollten sie verdeutlichen, dass Mitarbeit in unterschiedlicher Form möglich ist und nicht alle sofort ein Vorstandsamt übernehmen müssen. 

Als Kommune Sicherheit geben, ohne die Verantwortung zu übernehmen

Wer sich an der Gründung zum Beispiel einer Genossenschaft beteiligt, übernimmt Verantwortung – für die gemeinsame Organisation, für das eingebrachte Kapital und später möglicherweise für größere Investitionen. Initiiert eine Kommune diesen Gründungsprozess, ist es hilfreich als Kommune Unterstützung zuzusichern, damit es den Menschen leichter fällt, den Schritt zur Gründung einer BEG zu wagen.

In Meinersen erhielten die Interessierten Unterstützung durch die Verwaltungsleitung und das Klimaschutzmanagement sowie punktuelle fachliche Begleitung im Rahmen von Heat it!. Kontakte zum Genossenschaftsverband und zu bestehenden Energiegenossenschaften halfen bei Fragen zur Satzung und zur Gründung. Die Arbeit wurde auf mehrere Arbeitsgruppen verteilt.  

Die Rollenverteilung blieb dabei klar: „Wir als Samtgemeinde können euch unterstützen – aber machen müsst ihr es selbst“, beschreiben die Samtgemeindebürgermeisterin Karin Single und Heinz Schmitz die Haltung der Samtgemeinde. Die Kommune kann Veranstaltungen organisieren, Räume und Informationen bereitstellen, Kontakte vermitteln, Fördermöglichkeiten prüfen und externe Beratung ermöglichen. Die Genossenschaft muss jedoch von den Bürger*innen selbst gegründet und getragen werden.

Zu wenig Unterstützung kann eine ehrenamtliche Gruppe überfordern. Zu viel kommunale Steuerung kann dagegen ihre Eigenverantwortung behindern. Sinnvoll ist deshalb ein schrittweiser Übergang: Die Kommune stößt den Prozess an und schafft die Voraussetzungen, während die Bürgergruppe unterstützt wird, sich selbst zu organisieren. 

Konkrete Projekte zeigen, dass es die Kommune ernst meint

Eine Gründungsgruppe braucht nicht nur Beratung, sondern auch eine erkennbare Perspektive. Bürger*innen sollen wissen, wofür sie eine Genossenschaft aufbauen. In Meinersen hat die Samtgemeinde deshalb konkrete Signale gesetzt: Kommunale Dachflächen sollen der künftigen BEG für erste Projekte zur Verfügung gestellt werden. Ein mögliches PV-Projekt auf Schulgebäuden bietet einen überschaubaren Einstieg. Gleichzeitig wurden zwei potenzielle Nahwärmegebiete einer ersten Prüfung unterzogen. Auch eine spätere Beteiligung der Samtgemeinde und die Gründung gemeinsamer Projektgesellschaften werden erwogen. Der Beschluss des Samtgemeinderats, mit einem Windenergieinvestor über Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung ins Gespräch zu kommen, unterstreicht zusätzlich den Willen der Samtgemeinde, der Beteiligung der Bürger*innen bei der Umsetzung der Energiewende einen hohen Stellenwert einzuräumen.

Die Zusammenarbeit muss also nicht unmittelbar mit der Planung eines komplexen Wärmenetzes beginnen. Ein kleineres erstes Projekt kann der neuen Genossenschaft helfen, Erfahrungen zu sammeln und Vertrauen aufzubauen. Für die Motivation ist vor allem wichtig, dass der kommunale Rückhalt glaubwürdig ist. Ein Grundsatzbeschluss, die Bereitstellung geeigneter Flächen, die Prüfung kommunaler Gebäude als Wärmeabnehmer oder eine mögliche Mitgliedschaft können hierfür starke Signale sein. Dabei sollte transparent bleiben, was bereits beschlossen ist und was zunächst nur geprüft wird. Gerade in einem frühen Stadium lassen sich Wirtschaftlichkeit, Förderung und konkrete Beteiligungshöhen noch nicht verbindlich zusagen. 

Sieben Schritte für Kommunen

Aus den bisherigen Erfahrungen in Meinersen lassen sich sieben Schritte ableiten:

  1. Rückhalt in Verwaltungsleitung und Politik sichern.
  2. Verwaltungsintern eine verantwortliche Ansprechperson und ein kleines internes Team benennen.
  3. Bürger*innen frühzeitig und ergebnisoffen beteiligen.
  4. Interessierte nach Veranstaltungen persönlich weiter ansprechen.
  5. Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenbringen.
  6. Fachliche und organisatorische Begleitung für Gründungsinitiative ermöglichen.
  7. Seitens Kommune eine konkrete erste Projektperspektive eröffnen.

Eine BEG-Gründung lässt sich nicht verordnen und auch nicht garantieren. Kommunen können die Wahrscheinlichkeit ihres Entstehens aber deutlich erhöhen: indem sie Beteiligung ernst nehmen, Menschen persönlich ansprechen, Unterstützung anbieten und gleichzeitig Verantwortung übergeben. Das erfordert Zeit und auch innerhalb der Verwaltung und des Fachbereiches engagierte Mitstreiter*innen. Denn eine einzelne Klimaschutzmanagerin oder ein einzelner Klimaschutzmanager kann einen solchen Prozess kaum allein tragen.

Das Beispiel Samtgemeinde Meinersen zeigt: Bürger*innen sind bereit, Verantwortung für die Wärmewende zu übernehmen, wenn die Kommune ihnen etwas zutraut und einen verlässlichen Rahmen schafft. So kann aus Beteiligung eine eigenständige Partnerin entstehen, die zusätzliche Kompetenzen, Engagement und Kapital für die lokale Wärmewende mobilisiert.