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Interview | Mit Michael Emmerich, Bürgermeister der Stadt Rauschenberg

Michael Emmerich (CDU) ist seit 2013 Bürgermeister in Rauschenberg im nordhessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Während seiner Amtszeit wurde ein Nahwärmenetz in der Kernstadt mit derzeit rund 250 angeschlossenen Haushalten und Gewerbebetrieben errichtet. Ein weiteres Projekt in der Gemeinde Bracht ist seit Oktober 2023 in der Umsetzung. Wir sprachen mit ihm über die richtige Kommunikation und weitere Erfolgsfaktoren bei Wärmenetz-Projekten.

 

Guten Tag Herr Emmerich, die Stadt Rauschenberg wird voraussichtlich 2025 ein viertes Nahwärmenetz im Stadtteil Bracht in Betrieb nehmen. Außerdem hat Ihre Stadt bereits zwei Windparks sowie einen dritten mit Aufstellungsbeschluss in Planung. Wie ist es dazu gekommen? Welche Rahmenbedingungen haben das ermöglicht?

Seit den 1990er Jahren ist der Ausbau der Erneuerbaren bei uns in der Stadt und im Magistrat ein relevantes Thema. Wir versuchen, Ökologie und Ökonomie zu verbinden und Geld in der Region zu halten. Im Stadtparlament selbst weisen wir z. B. auch Windvorranggebiete aus. Im Rahmen von Dorferneuerungen haben wir Wärmenetzlösungen mit Erneuerbaren frühzeitig ins Auge gefasst. Wir sind die erste Bioenergiestadt im Landkreis mit einem mehr als 13 Kilometer langen Nahwärmenetz. Auch die Netze in den Stadtteilen Josbach und Schwabendorf, die durch meinen Amtsvorgänger errichtet wurden, nutzen umweltfreundliche Nahwärme. Betreiber der Netze sind ausschließlich Bürgergenossenschaften. Bei den Windparks sind die Betreiber private Investoren bzw. Firmen, denen wir überwiegend städtische Flächen zur Verfügung gestellt haben. Somit profitieren mittelbar alle Bürgerinnen und Bürger von den Pachteinnahmen.

  

Die bereits bestehenden Wärmenetze in Rauschenberg nutzen vor allem Biogas und Hackschnitzel als Energieträger. In Bracht wurde jetzt eine Variante mit Solarthermie ausgewählt. Wie kam es dazu? Und wie gehen Sie hierbei mit saisonalen Schwankungen um?

2015 organisierten wir eine Bürgerversammlung in Bracht, um zu überlegen, wie eine Wärmenetz dort aussehen könnte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Vorstellung, wie man das ohne Biogas bewerkstelligen sollte. Daher beauftragten wir 2016 eine Machbarkeitsstudie, die zwei mögliche Optionen aufzeigte: 

  • Errichtung eines Solarthermie-Felds (mit 77 Prozent solarer Deckung) kombiniert mit Saisonalspeicher, Pufferspeicher (basierend auf Großwärmepumpe und BHKW) und zusätzlichem Holzkessel 
  • Einrichtung einer Holzkesselanlage in Kombination mit Geothermie

Die 2. Option wurde wegen der hohen Nachfrage nach Pellets, steigenden Holzpreisen und damit unkalkulierbaren Zukunftskosten schließlich verworfen, denn bei solchen Projekten ist es wichtig, einen möglichst vorhersehbaren Preis auf Dauer sicherstellen zu können.

Wir haben die Machbarkeitsstudie in einer Bürgerversammlung vorgestellt. Dort waren mit ca. 140 Person mehr als Zweitdrittel der Haushalte anwesend, und eine deutliche Mehrheit votierte für das Wärmenetz mit Solarthermie-Feld. Ein wesentlicher Punkt, um die potentiellen Wärmeabnehmer von der Solarthermie-Lösung zu überzeugen, war eine Gegenüberstellung der Ölheizkosten mit den Kosten für den Nahwärmebezug. Viele Leute sehen immer nur die Heizölkosten, aber nicht die weiteren Kosten für Wartung der Heizkessel, Schornsteinfeger etc. Macht man für Ölheizungen eine solche Vollkostenrechnung auf, dann schneidet die Nahwärme mittel- bis langfristig günstiger ab. Außerdem ist sie klimafreundlicher, macht unabhängiger von Energieimporten und stärkt die lokale Wertschöpfung.

Auf der Bürgerversammlung rekrutierten wir auch erste Teilnehmende für einen Arbeitskreis, um das Projekt weiter voranzutreiben und z. B. auch Konzepte zu erarbeiten oder potentielle Abnehmer zum Anschluss an das Wärmenetz zu bewegen. 

 

Wie ging es nach der Entscheidung für die Solarthermie-Lösung weiter?

Wir standen vor der Frage, wie wir das Wärmenetz und die Anlagen finanzieren sollten. Dazu benötigten wir auf jeden Fall Fördergelder. Um Förderung zu beantragen, brauchten wir eine Gesellschaft mit entsprechender Rechtsform. Wir entschieden uns für ein Genossenschaftsmodell, gründeten 2021 eine Genossenschaft, die 2022 rechtsfähig wurde. Inzwischen musste aber noch geklärt werden, ob eine Doppelförderung durch die KfW und das Land Hessen gleichzeitig möglich ist, was uns leider im Prozess um ein Jahr zurückgeworfen hat. Beide Förderanträge wurden schließlich 2022 eingereicht und bewilligt.

Jetzt im Oktober 2023 haben wir „mit dem Spatenstich“ begonnen. Als erstes wird der Grubenspeicher gebaut, Anfang 2024 das Nahwärmenetz verlegt, wozu aktuell die Ausschreibung läuft. Das Netz soll Ende 2024 anschlussfähig sein. Parallel dazu wird die Vergabe der Anlagen ausgeschrieben und spätestens im Frühjahr 2025 soll das 10 Kilometer lange Netz in Betrieb gehen. In diesem Prozess unterstützt uns die Landesenergieagentur Hessen (LEA) und die Uni Kassel, was eigentlich eine Win-Win-Situation ist, denn diese beiden können aus dem Projekt Erkenntnisse für die Wärmeplanung und -umsetzung in anderen Dörfern ziehen. 

 

  

Was waren aus Ihrer Sicht denn die Erfolgsfaktoren des Projekts? – neben der finanziellen und fachlichen Förderung durch die Öffentliche Hand?

Ein Schlüssel war die Machbarkeitsstudie, um den Menschen aufzuzeigen, dass das Wärmenetz umsetzbar ist und mittel- bis längerfristig wesentlich mehr Vorteile bringt als wenn jeder individuell seine eigene Heizung betreibt.

Sehr wichtig war außerdem die Gründung des Arbeitskreises (AK) von Ehrenamtlichen, die sich um die weiteren Schritte kümmern. Tatsächlich fanden wir genügend Ehrenamtliche, um das Projekt voranzutreiben, wobei wir als Kommune diesen AK besonders in der Anfangsphase intensiv unterstützt und begleitet haben, insbesondere in verwaltungstechnischen Fragen, beim Aufsetzen von Prozessen und bei der Beschaffung von Knowhow, z. B. wie baue ich ein Netz, wie betreibe ich es oder wie motiviere ich die Bürger*innen für den Anschluss ans Nahwärmenetz. Hierbei war auch der Kontakt zur LEA wichtig, ebenso wie der Austausch mit anderen Bioenergiedörfern, um von deren Erfahrungen zu profitieren.

Für uns als Kommune war das am Anfang viel Aufwand, aber als der AK dann richtig ins Arbeiten gekommen ist, konnten wir uns nach und nach rausziehen und das Projekt lief dann mehr oder weniger von selbst. Übrigens beteiligten sich auch Magistratsmitglieder am AK und später an der Genossenschaft, die wir gegründet haben. Ehrenamtliche einzubinden hat noch einen weiteren Vorteil, denn es sind meist Leute, die einen guten Leumund in der Kommune haben und quasi Mund-zu-Mund andere Bürger abholen und von der Sache überzeugen können – viel besser, als wenn wir es von offizieller Seite getan hätten. 
Ganz wesentlich war die Unterstützung durch die Kommune auch aus finanzieller Sicht. Wir haben 80% der Kredite über die Kommune abgesichert, was zu niedrigeren Zinsen geführt und signalisiert hat, dass wir voll hinter dem Projekt stehen.

 

Welche Kommunikationsinstrumente wurden genutzt, um das Projekt anzustoßen und zu begleiten? 

Am Anfang viele Informationsveranstaltungen, aber auch ein wöchentlich erscheinendes Mitteilungsblatt oder die Homepage der Solarwärme Bracht eG.

 

Gab es auch kritische Stimmen? Wie geht man mit kritischen Stimmen am besten um? Wie kontert man Widerstände? 

Die Wirtschaftlichkeit des Projekts wird immer mal wieder in Frage gestellt. Die aktuellen Krisen – Ukrainekrieg, gestiegene fossile Energiepreise – haben diesen Punkt weitgehend entkräftet. Natürlich ist man erst einmal erstaunt, wenn man hört, dass ein Investitionsvolumen von 16 Mio. € für die Versorgung von 200 Haushalten erforderlich ist, denn da heißt es schnell: „80 Tausend € pro Haushalt ist doch unwirtschaftlich!“ Wenn man aber erklärt und rechnerisch nachweist, dass das Netz eine Betriebsdauer von ca. 50 bis 80 Jahren hat, sieht das schon wieder anders aus.

Bedenken muss man zu einem gewissen Grad ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen. Aber entweder man will eine Wärmeerzeugung aus Erneuerbaren vor Ort, oder man setzt weiter auf Öl, Gas, Kohle oder Kernkraft – das wollen aber weder wir als Kommune noch eine Mehrheit unserer Bürger*innen!

 

Würden Sie zum Schluss kurz ein paar Empfehlungen geben, was Kommunen, die in die KWP einsteigen möchten, sowohl bei der Planung als auch Umsetzung beachten sollten?
 

Dont‘s

  • Keine direkten Vorgaben machen, stattdessen mit Bürger*innen reden und Optionen aufzeigen – den Menschen etwas „überzustülpen“ (Stichwort: Heizungsgesetz) bringt nichts
  • Weniger auf Firmen bzw. Projektierer hören, die schlüsselfertige Lösungen für den Bau von Wärmenetzen anbieten, sondern …

Do‘s

  • … vor Ort schauen, ob es nicht engagierte Menschen gibt, die ehrenamtlich an einem Wärmenetz-Projekt mitarbeiten und etwas für die Zukunft ihrer Gemeinde tun möchten
  • Alle Potenziale in der Verwaltung aktivieren, um die Arbeit der Ehrenamtlichen zumindest solange zu unterstützen, bis sich ein Projekt, z. B. durch die Gründung einer Genossenschaft, verselbstständigt hat
  • Ergebnisoffen handeln, d. h. die Vorgehensweise an den jeweiligen Stadtteil anpassen (ggf. ist auch einmal ein kleines BHKW die Lösung)
  • Bürgschaften für Kredite übernehmen und sich finanziell an Erneuerbaren-Projekten beteiligen (z. B. beteiligt sich Rauschenberg mit 4 Liegenschaften an der Wärmegenossenschaft)


Das A und O ist es, die Bürger*innen vor Ort mitnehmen!

 

Wir bedanken uns bei Michael Emmerich für das Interview.

Kontakt: Michael Emmerich, Bürgermeister der Stadt Rauschenberg (a.fourier@rauschenberg.de)
Webseite: www.solarwaerme-bracht.de