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Interview | Kay Voßhenrich, Bürgerwerke eG

Seit Dezember 2023 leitet Herr Kay Voßhenrich das Team für PV-Freiflächen bei der Bürgerwerke eG, einer Dachorganisation von über 125 Bürgerenergiegenossenschaften, die Projekte zur regionalen Stromproduktion entwickelt und realisiert. Aus seiner Sicht ist die Bürgerenergie aktuell mit vielen neuen Akteur*innen wieder im Aufwind. Allerdings muss sie ihren Vorteil der lokalen Verankerung jetzt aktiv nutzen, um in den Kommunen und bei den Bürger*innen gegenüber den großen externen Projektierern weiterhin wahrgenommen zu werden.

 

Guten Tag Herr Voßhenrich, würden Sie uns kurz etwas zu Ihrer Vita sagen? Was hat Sie persönlich für das Thema PV-Freifläche motiviert und was ist aktuell Ihr wichtigstes Projekt?

Ich habe ursprünglich Architektur und Städtebau studiert und drei Jahre als Architekt gearbeitet. In meiner Masterarbeit „Fossile vs. erneuerbare Stadtstrukturen“ habe ich untersucht, wie man urbane Strukturen in Megastädten organisieren müsste, wenn man sie von einer fossilen auf eine dezentrale Energieversorgung mit Erneuerbaren umstellen möchte. Dabei spielte auch das Thema „Prosumer“ eine Rolle, und diesen Faden nahm ich 2007 wieder auf, als ich meine erste Energiegenossenschaft in Niedersachsen mitgegründet habe. 2008 machte ich mich in Köln als Solarteur selbstständig und brachte neben Anlagen auf Einfamilienhäusern auch Anlagen mit Bürgerbeteiligung auf den Weg, z. B. für die Stadt Hürth. 

2010 gründete ich in Köln mit einem Freund die Energiegewinner eG, wo ich bis Mitte 2023 als Vorstand tätig war. Hauptsächlich haben wir PV-Dachanlagen entwickelt, aber auch ein paar Windräder finanziert und zwei PV-Freiflächenanlagen gebaut. Seit Dezember 2023 bin ich nun Leiter für PV-Freifläche bei der Bürgerwerke eG. Die Bürgerwerke sind eine Dachorganisation von über 125 Bürgerenergiegenossenschaften, die vor 10 Jahren gegründet wurde. Sie übernimmt ganz im genossenschaftlichen Sinne Aufgaben, die die einzelne Mitgliedsgenossenschaft so nicht zu leisten im Stande ist. Die Bürgerwerke sind einer der unabhängigen echten Ökostromanbieter in Deutschland.  Sie ermöglichen es ihren Mitgliedsgenossenschaften, eigene regionale Stromprodukte anzubieten. Da die Mitglieder einen großen Bedarf an Projektentwicklung für PV-Freifläche haben, wurde 2023 das Team „Bürgerprojektentwicklung“ gegründet und meine Leitungsstelle neu geschaffen. Es sind aktuell mehrere Projekte in der Entwicklung und u. a. in der Bauleitplanung und im Baugenehmigungsverfahren.


Wie würden Sie die aktuelle Situation der Bürgerenergie beurteilen? Erlebt Sie gerade einen neuen Boom? 

Ich glaube, wir haben gerade wieder etwas mehr Aufwind, beim Bürgerenergie-Konvent Ende April waren viele neue Akteure dabei. Nach 2013 war es erstmal ruhiger geworden, es gründen sich jetzt aber wieder einige neue Bürgerenergiegenossenschaften. Der Gesetzgeber geht inzwischen auch stärker auf Bürgerbeteiligung ein. Ein Beispiel hierfür ist der Mieterstrom. Dieser war bisher wirtschaftlich sehr schwierig und es hat viel Aufwand erfordert, um die vielen Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Es wird auch weiterhin anspruchsvoll sein, bei Mehrparteienhäuser die Bewohner*innen zum Mitmachen zu motivieren und diesen Prozess zu organisieren. Hier wurde jetzt aber mit dem Solarpaket 1 und der Einführung der sogenannten „Gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung“ eine neue Tür geöffnet. 

Bisher konnten in Mehrparteienhäuser die Bewohner Solarstrom vom eigenen Dach nur über einen Mieterstromtarif erhalten, d. h. einen Mischtarif zwischen Solarstrom vom Dach und dem Reststrom aus dem Netz. Mit der Gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung kann nun der Solarstrom entsprechend des Verbrauchs auf die einzelnen Nutzenden im Haus verteilt werden. Die Mieter*innen können ihren eigenen externen Stromanbieter für die restliche, aus dem öffentlichen Netz benötigten Strommengen behalten. Dadurch wird die Abrechnung einfacher, und viele kleinere Gebäude und Mietergemeinschaften werden in die Lage versetzt, Solarstrom aus der PV-Anlagen vom eignen Dach zu beziehen. Messtechnisch sind allerdings noch Fragen offen, Stichwort „Smart Meter“. 


Und wie beurteilen Sie die Situation für die Bürgerenergie speziell bei PV-Freifläche? Wie positionieren Sie sich angesichts der verstärkten Aktivitäten privatwirtschaftlicher Projektierer und Konzerne?

Bei PV-Freifläche ist die finanzielle Bürgerbeteiligung in einigen Bundesländern bereits verpflichtend, wie z. B. bei Windenergie in NRW oder die Akzeptanzabgabe in Niedersachsen, bei der Anwohner im Umkreis von 2,5 Kilometer um Wind- und PV-Freiflächenanlagen 0,1 Cent/kWh erhalten sollen. Eine bundesweite Regelung zur Bürgerbeteiligung ist in Berlin in der Diskussion. Den Kommunen kann bereits jetzt eine finanzielle Beteiligung von 0,2 Cent/kWh angeboten werden. Auch hier sind einige Bundesländer vorangegangen und haben dies zur Pflicht gemacht. Große Projektierer müssen somit nun zumindest finanzielle Bürgerbeteiligung anbieten. Dadurch entsteht der Bürgerenergie mehr Konkurrenz durch die großen Projektgesellschaften, die auch Finanzkapital vor Ort einsammeln, aber Aspekte der regionalen Wertschöpfung weniger im Blick haben. Außerdem ist der Kampf um die Flächen für PV im vollen Gange. Die großen Projektierer sind mit viel Energie und Geld unterwegs, um Flächen unter Vertrag zu nehmen.

Die Bürgerenergiegesellschaften werden ja zumeist von Ehrenamtlichen getragen, die intrinsisch motiviert sind und die Bürger*innen vor Ort mitnehmen. Sie bringen die Energiewende in der Breite in der Kommune voran, indem sie nicht nur einzelne PV-Anlagen finanzieren, sondern unterschiedlichste Projekte der erneuerbarem Strom- und Wärmeversorgung, lokale Versorgungsnetze, E-Mobilität, Ladeinfrastruktur und vieles mehr vorantreiben. Diese „echte“ Bürgerenergie, die sich vor Ort gründet, um die Erneuerbaren voranzubringen, muss sich in der aktuellen Situation gut positionieren, um gegenüber den großen Projektierern in den Kommunen und bei den Bürger*innen weiterhin wahrgenommen zu werden. Ihren Vorteil der lokalen Verankerung und der bestehenden Gemeinschaft im Ort müssen sie nutzen. Dieser Vorteil kann auch bei der zukünftigen Entwicklung von Agri-PV-Anlagen von großer Bedeutung sein, bei dem die Investoren, der Landeigentümer und der Landwirt zusammen über lange Projektlaufzeiten gut zusammenarbeiten müssen.


Der Netzausbau hinkt aktuell bei der Nachfrage nach Anschlussleitungen stark hinterher. Wie gehen Sie bei PV-Freiflächen-Projekten mit der Herausforderung des Netzanschlusses um? Welche Risiken entstehen dadurch für die Umsetzung von Projekten? Welche Lösungen gibt es dafür?

Derzeit sind viele große Anlagen in der Planung und Projektierung, was dazu führt, dass Netzbetreiber durch die hohe Anzahl an Anfragen oft überlastet sind und relativ spät antworten. Der Netzanschluss stellt in der Projektentwicklung immer ein großes Risiko dar, da man sich Netzkapazitäten und den Netzanschlusspunkt zur Sicherung reservieren lassen muss. Für die Reservierung des Netzanschlusses benötigt man im Bauleitverfahren einen Aufstellungsbeschluss durch die Kommune, also für die Änderung des Flächennutzungsplans und der Aufstellung eines Bebauungsplans. Damit wird das Bauleitverfahren eingeleitet, für das u. a. kostenintensive Gutachten erstellt werden müssen, z. B. eine Artenschutzkartierungen oder Bodenuntersuchungen.

Seit 2023 gibt es das privilegierte Verfahren entlang von Schienenwegen und Autobahnen. Dafür benötigt man kein Bauleitverfahren und auch keinen Aufstellungsbeschluss. Die Netzbetreiber fordern für die Netzreservierung im privilegiertem Verfahren den Nachweis, dass ein Bauantrag eingereicht wurde. Für den Bauantrag müssen aber alle erforderlichen Unterlagen, also auch geforderte Gutachten, vorliegen. Es entstehen also hohe Kosten bevor man sich die Netzanschlusskapazitäten sichern kann, anders als im Bauleitverfahren, wo man nach Aufstellungsbeschluss und vor Beauftragung von Gutachten schon die Sicherheit des Netzanschlusses bekommt. Damit geht man ein höheres Risiko ein, da es passieren kann, dass der Netzanknüpfungspunkt bereits während der Erstellungszeit der Gutachtender an einen anderen Projektierer vergeben wurde und man sich einen neuen, manchmal doppelt so weit entfernten suchen muss, was zu höheren Kosten führt und das Projekt dann vielleicht nicht mehr profitabel macht.

Solche Projektierungsrisiken und Vorlaufkosten sind ein kaum überwindbares Problem besonders für kleinere Bürgerenergiegenossenschaften – ein Grund, weshalb die Bürgerwerke eG die kleinen Genossenschaften unterstützt, indem sie solche Kosten und Risiken auf breitere Schultern verteilt. Die große Stärke der Bürgerenergie ist, dass die aktiven Genossenschaften gut miteinander vernetzt sind, gut miteinander kooperieren und teilweise auch als Projektierer zusammen auftreten.

 

 

Wie wichtig ist für Sie die Zusammenarbeit mit Kommunen, z. B. wenn es um geeignete Flächen, Genehmigungsverfahren oder Akzeptanz für Freiflächenanlagen geht? Haben Sie Beispiele aus Ihrer Arbeit mit Bürgerenergieprojekten?

Die Situation ist oft sehr unterschiedlich. In meiner vorherigen Funktion bei den Energiegewinnern gab es ein Projekt, das in Rekordtempo durch das Bauleitverfahren lief, wofür ja die Kommune bzw. Kreisverwaltung zuständig ist. Es gab in dem Projekt einen Automobilzulieferer – zugleich der größte Arbeitgeber vor Ort, der als Stromabnehmer involviert ist. In diesem Fall wurden die Flächen schnell genehmigt, die Bürgerbeteiligung vor Ort zeitnah umgesetzt, und das Projekt konnte zügig starten. Der Gemeinderat, die Kreisverwaltung und alle Träger öffentlicher Belange haben hier an einem Strang gezogen.

In einem anderen Fall hatten wir als Genossenschaft Dachflächen identifiziert, sind aber in der Kommune auf starke Widerstände aus der politischen Mehrheit gestoßen, offenbar, weil unsere Initiative von der Opposition unterstützt wurde. Wir haben zwar ein paar Dächer für die PV-Belegung erhalten, aber die Gemeinde hat den PV-Ausbau am Ende selbst in die Hand genommen und aus der politischen Mehrheit im Stadtrat heraus eine eigene Genossenschaft gegründet, die den Großteil der Dächer selbst mit Anlagen bestückt hat. Das Ergebnis ist für die Energiewende natürlich gut, da die Kommune den PV-Ausbau aktiv in die Hand genommen hat, viele Pachtverträge abgeschlossen hat und inzwischen ein richtig großes Rad in Sachen Klimaschutz dreht, aber im Grunde hat man denjenigen, die zuerst engagiert und schon vorher aktiv waren, das Heft aus der Hand genommen.


Welche Rolle spielen beim PV-Ausbau in Kommunen die Stadtwerke? 

Ab einem gewissen Punkt holen Kommunen – sofern vorhanden – ihre Stadtwerke ins Boot, was oft auch Sinn macht, denn dann kommen z. B. die Dachpotentiale insgesamt in den Fokus. Wenn man diese Potentiale in großem Stil zügig nutzen möchte, ist man am Ende auf die Stadtwerke angewiesen, die ja im Grunde auch eine Art „Bürgerenergie“ sind, sofern sie den Kommunen gehören.


Was können Sie von Seiten der Bürgerenergie den Kommunen anbieten?

Die Kommunen, die noch nicht oder nur wenig wissen, wie man den PV-Ausbau anpackt, sind oft froh und dankbar, wenn Bürgerenergie-Akteur*innen auf sie zukommen und mit ihnen gemeinsam den Ausbau der Erneuerbaren entwickeln. Hierzu kann man uns von den Bürgerwerken gerne ansprechen. Zusammen mit unseren Mitgliedsgenossenschaften lassen sich da gute Lösungen finden.


Was können aus Ihrer Sicht die Kommunen tun, um den Ausbau von PV-Freifläche mit Bürgerbeteiligung voranzubringen? Wie können Kommunen Bürgerenergieprojekte am besten unterstützen? 

Das Wichtigste aus meiner Sicht wäre:

  • Anfragen von Bürgerenergie-Akteur*innen unterstützen, wenn an die Kommunen entsprechende Projekte herangetragen werden.
  • Integrativ denken und lokale Bürgerenergiegenossenschaften bzw. die Aktiven vor Ort mitnehmen, sobald Kommunen sich entschließen, für PV-Freifläche aktiv zu werden.
  • Die Bürgerenergie „mitdenken“ und Bürgerenergie als Kriterium in Ausschreibungen mitaufnehmen, wenn Kommunen eigene Flächen vergeben möchten.

 

Wir bedanken uns bei Kay Voßhenrich für das Interview!
 

Kontakt: Kay Voßhenrich, Leiter PV‑Freiflächen, Bürgerwerke eG (kay.vosshenrich@buergerwerke.de)