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Interview | „Die Wärmewende gelingt nur gemeinsam“

Region-N im Gespräch mit Rico Steinz, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bürgerenergiegenossenschaft Ingolstadt eG.

 

Herr Steinz, bevor wir über Ihre Projekte sprechen: Erzählen Sie uns doch zunächst etwas über sich. Was machen Sie beruflich und welche Rolle haben Sie in der Bürgerenergiegenossenschaft Ingolstadt?

Ich bin Diplom-Maschinenbauingenieur und habe mich bereits im Studium auf Thermodynamik spezialisiert. Mein Schwerpunkt lag also schon früh auf allem, was mit Wärme- und Kältetechnik zu tun hat. Seit vielen Jahren arbeite ich in der Automobilindustrie. Dort war ich zunächst in der Entwicklung von Kältekreisläufen tätig und beschäftige mich inzwischen intensiv mit den Themen Wärmeversorgung und Energieeffizienz. Dieses berufliche Wissen hilft mir auch bei meinem Engagement in der Bürgerenergiegenossenschaft.

Innerhalb der Bürgerenergiegenossenschaft Ingolstadt gehöre ich zum Vorstand. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern entwickeln wir Projekte, organisieren deren Umsetzung und treiben die Energiewende auf lokaler Ebene voran.
 

Wie entstand Ihr Engagement für die Bürgerenergie? Neben einem anspruchsvollen Beruf investieren Sie schließlich auch einen erheblichen Teil Ihrer Freizeit.

Die Motivation entstand aus meinem persönlichen Interesse am Klimaschutz. Ich habe mich zunächst bei GermanZero engagiert und dort gemeinsam mit anderen Menschen an Konzepten gearbeitet, wie Kommunen klimaneutral werden können. Aus diesem Netzwerk heraus entstand schließlich die Idee, eine Bürgerenergiegenossenschaft zu gründen.

Uns wurde schnell klar, dass viele Menschen etwas für die Energiewende tun möchten, ihnen aber häufig eine konkrete Möglichkeit fehlt. Eine Genossenschaft bietet genau diesen Rahmen: Bürgerinnen und Bürger können sich gemeinsam engagieren, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Projekte entwickeln.
 

Wie groß ist Ihre Genossenschaft heute?

Wir sind inzwischen auf 160 Mitglieder angewachsen und konnten bereits mehrere Projekte erfolgreich umsetzen. Angefangen haben wir mit Photovoltaikanlagen, weil sich diese Projekte vergleichsweise schnell realisieren lassen und sich gut eignen, Erfahrungen in der Projektentwicklung zu sammeln.

Zu unseren bisherigen Projekten gehören unter anderem ein Bürgersolardach auf einer Schule, und ein Mieterstrom-PV-Projekt auf den Dächern einer Wohnungsbaugesellschaft wird gerade gebaut.  
 

Während viele Bürgerenergiegenossenschaften bisher vor allem auf Strom setzen, beschäftigen Sie sich inzwischen intensiv mit der Wärmeversorgung. Wie kam es dazu?

Die Wärmewende ist aus unserer Sicht einer der wichtigsten Bausteine für eine klimaneutrale Energieversorgung. Im Strombereich gibt es inzwischen viele erfolgreiche Beispiele. Im Wärmesektor besteht dagegen noch enormer Nachholbedarf – aktuell gibt es nur ca. 300 Wärmegemeinschaften in Deutschland.

Deshalb haben wir uns früh gefragt, wie wir unser Know-how auch auf die Wärmeversorgung übertragen können. Besonders interessant sind aus unserer Sicht größere Wohnquartiere und Wohnungsbaugesellschaften. Dort lassen sich durch gemeinschaftliche Lösungen zur Wärmeverteilung zwischen den Gebäuden deutlich größere Effekte erzielen als bei einzelnen Gebäuden, wo für solche Projekte viele einzelne Eigentümer abgeholt werden müssen. Wenig Potential sehen wir auch im Neubau, der ja bereits hohe energetische Standards erfüllen muss und wo die benötigte Wärmemenge geringer ist. Auch findet man dort meist nur genügend Abnehmer durch einen Anschlusszwang.

Gerade Wohnungsunternehmen stehen jedoch vor der Herausforderung, ihre Gebäude klimaneutral umzubauen. Gleichzeitig gehört der Betrieb von Energieanlagen nicht zu ihrem eigentlichen Kerngeschäft. Genau an dieser Stelle können Bürgerenergiegenossenschaften eine wichtige Rolle übernehmen. Wir verstehen uns als Partner, der Planung, Finanzierung und später auch den Betrieb solcher Anlagen übernehmen kann.
 

Gibt es bereits konkrete Projekte?

Ja. Aktuell beschäftigen wir uns intensiv mit einem größeren Wohnquartier. Dort prüfen wir gemeinsam mit dem Eigentümer verschiedene Möglichkeiten, die Wärmeversorgung vollständig neu aufzustellen.

Im Mittelpunkt steht zunächst ein Transformationsplan. Dabei wird untersucht, wie sich die bestehende Wärmeversorgung Schritt für Schritt auf erneuerbare Energien umstellen lässt. Gleichzeitig werden unterschiedliche technische Varianten miteinander verglichen und wirtschaftlich bewertet. Technisch geht es in diesem Projekt darum, zwei zentrale Gaskessel, die über ein Netz die Gebäude mit Wärme versorgen, durch erneuerbare Heizanlagen zu ersetzen. Über die BEW Machbarkeitsstudie prüfen wir, wie beide Kessel durch Wärmepumpen ersetzt werden können. Um die Versorgungssicherheit sicherzustellen, wollen wir schrittweise beide Kessel durch Wärmepumpe ersetzen.
 

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen beim Einstieg in die Wärmeversorgung?

Im Vergleich zu Photovoltaikprojekten ist die Wärmeversorgung deutlich komplexer. Während sich eine Solaranlage häufig relativ klar planen und umsetzen lässt, greifen bei Wärmenetzen viele technische, wirtschaftliche und organisatorische Aspekte ineinander.

Gleichzeitig ist uns bewusst geworden, dass jedes Quartier individuelle Anforderungen mitbringt. Es gibt keine Standardlösung, die sich einfach auf alle Projekte übertragen lässt. Deshalb müssen bestehende Gebäude, vorhandene Leitungsnetze, Wärmebedarfe und mögliche Energiequellen immer gemeinsam betrachtet werden.
 

Welche Rolle spielt dabei die Nutzung von Abwärme?

Sie spielt für uns eine zentrale Rolle. Gerade in industriell geprägten Regionen entstehen große Mengen an Abwärme, die heute oftmals ungenutzt an die Umwelt abgegeben werden.

In unserem Projekt prüfen wir deshalb, ob sich industrielle Abwärme als Grundlast für die Wärmeversorgung eines Wohnquartiers nutzen lässt. Ergänzt wird dieses Konzept mit einer Grundwasser-Wärmepumpe. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass zwei redundante Wärmequellen zur Verfügung stehen und damit die Grundversorgung auch im Störfall gewährleistet wird.

Unser Ziel ist es, möglichst viele erneuerbare Energiequellen intelligent miteinander zu kombinieren. Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Wärmenetze und Energieeffizienzmaßnahmen sollten nicht isoliert betrachtet werden. Je besser dieses Zusammenspiel funktioniert, desto wirtschaftlicher und nachhaltiger wird das gesamte System. Erst wenn diese Komponenten intelligent miteinander verknüpft werden, entstehen wirklich effiziente Energiekonzepte.
 

Welche Bedeutung messen Sie Energiespeichern bei?

Speicher werden künftig eine Schlüsselrolle spielen. Das betrifft sowohl Batteriespeicher als auch Wärmespeicher.

Batteriespeicher ermöglichen es beispielsweise, Solarstrom vom Mittag in die Abend- oder Nachtstunden zu verschieben. Dadurch kann deutlich mehr lokal erzeugter Strom selbst genutzt werden.

Bei der Wärme sieht es ähnlich aus. Wärmespeicher schaffen die Möglichkeit, Wärme zeitversetzt bereitzustellen und damit Wärmepumpen oder andere Wärmequellen wesentlich flexibler zu betreiben. Gerade in Verbindung mit erneuerbaren Energien entstehen dadurch erhebliche Effizienzgewinne.
 

Sie haben im Laufe des Projekts auch verschiedene Planungsbüros kennengelernt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Gerade für innovative Wärmeprojekte braucht es aus unserer Sicht Partner, die offen für neue Ansätze sind und nicht ausschließlich nach bekannten Mustern arbeiten.

Wir haben deshalb bewusst den Austausch mit verschiedenen Büros gesucht, um unterschiedliche Herangehensweisen kennenzulernen. Dabei geht es nicht nur um die technische Planung, sondern auch um Fragen der späteren Betriebsführung, der Optimierung oder möglicher Erweiterungen. Ein gutes Planungsbüro versteht sich als langfristiger Partner und entwickelt gemeinsam mit den Projektbeteiligten Lösungen, die auch in zehn oder zwanzig Jahren noch sinnvoll sind.
 

Welche Kompetenzen braucht eine Bürgerenergiegenossenschaft, um solche Projekte erfolgreich umzusetzen?

Natürlich sind technische Kenntnisse wichtig. Noch wichtiger ist aus unserer Sicht jedoch ein professionelles Projektmanagement.

In einer Bürgerenergiegenossenschaft arbeiten viele Menschen ehrenamtlich zusammen. Deshalb müssen Verantwortlichkeiten klar verteilt werden. Jeder sollte wissen, welche Aufgaben er übernimmt und wo seine Zuständigkeiten liegen.

Ebenso wichtig ist eine gute Zusammenarbeit mit allen Projektpartnern – also mit Planungsbüros, Herstellern, Gebäudeeigentümern, Kommunen, Energieversorgern und Handwerksbetrieben. Die Genossenschaft übernimmt dabei häufig die Rolle des Koordinators und bringt die verschiedenen Interessen zusammen.

Niemand muss dabei alle Fachgebiete selbst beherrschen. Gerade deshalb spielt auch der Austausch mit anderen Bürgerenergiegenossenschaften eine große Rolle. In den vergangenen Jahren haben wir ein wertvolles Netzwerk aufgebaut, über das wir Erfahrungen austauschen, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen. Dieses Wissen ist für neue Projekte oft genauso wertvoll wie technische Fachliteratur.
 

Ein solches Engagement erfordert sicherlich auch einen erheblichen Zeitaufwand. Wie viele Stunden investieren Sie durchschnittlich in die Arbeit der Bürgerenergiegenossenschaft?

Das lässt sich schwer pauschal beantworten. Es gibt Zeiten, in denen nur wenige Stunden pro Woche anfallen. Wenn jedoch ein neues Projekt vorbereitet wird oder wichtige Entscheidungen anstehen, kann der Aufwand deutlich höher sein.

Für mich ist dieses Engagement aber eine bewusste Entscheidung. Die Energiewende gelingt nur, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb investiere ich diese Zeit gerne.
 

 

 

Viele Bürgerenergiegenossenschaften fragen sich, wie sie langfristig engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewinnen können. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ein funktionierendes Team entsteht nicht von allein. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel verfolgen und Freude an der Zusammenarbeit haben.

Unsere Genossenschaft ist aus einer Gruppe engagierter Menschen entstanden, die sich bereits zuvor im Klimaschutz engagiert haben. Dadurch gab es von Anfang an ein gemeinsames Verständnis dafür, warum wir diese Arbeit machen und welche Ziele wir erreichen möchten. Mit der Zeit sind weitere Mitglieder hinzugekommen. Wichtig ist dabei, dass neue Menschen nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern sich auch als Teil der Gemeinschaft fühlen.

Regelmäßige Treffen und der persönliche Austausch spielen dabei eine große Rolle. Gerade im Ehrenamt lebt eine Organisation davon, dass man sich gegenseitig kennt, Vertrauen aufbaut und Erfolge gemeinsam erlebt. Das stärkt den Zusammenhalt und motiviert auch in arbeitsintensiven Phasen.
 

Welche Empfehlungen würden Sie anderen Bürgerenergiegenossenschaften geben, die künftig ebenfalls Wärmeprojekte entwickeln möchten?

Zunächst würde ich empfehlen, nicht zu groß anzufangen, sondern zunächst Erfahrungen mit kleineren Projekten zu sammeln und Schritt für Schritt Kompetenzen aufzubauen.

Genau diesen Weg sind wir gegangen. Unsere ersten Projekte lagen im Bereich Photovoltaik. Dadurch konnten wir Erfahrungen in Finanzierung, Projektentwicklung und Zusammenarbeit sammeln. Dieses Wissen hilft uns heute dabei, deutlich komplexere Wärmeprojekte anzugehen.

Außerdem sollte man frühzeitig nach geeigneten Partnern suchen. Einerseits Planer, die über Erfahrung und Weitblick verfügen sowie mögliche Hersteller, z. B. von Wärmenetzkomponenten, Wärmepumpen oder Speicher. Andererseits  Wohnungsbaugesellschaften, Wohnungsgenossenschaften oder größere Immobilienbestände, die sich für gemeinschaftliche Wärmelösungen anbieten. Diese Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre Gebäude klimaneutral umzubauen, verfügen aber oft nicht über eigenes energietechnisches Know-how. 

Ebenso lohnt sich der Blick auf Industriebetriebe. Dort entstehen häufig erhebliche Mengen an Abwärme, für die bislang keine sinnvolle Nutzung existiert. Werden solche Potenziale früh erkannt, können daraus wirtschaftlich attraktive Wärmeprojekte entstehen.
 

Zum Abschluss: Was möchten Sie anderen Menschen mitgeben, die sich für Bürgerenergie und insbesondere für die Wärmewende interessieren?

Ich bin überzeugt, dass Bürgerenergiegenossenschaften künftig eine noch größere Rolle spielen werden als heute. Die Wärmewende wird nur gelingen, wenn sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestaltet wird.

Dabei geht es nicht nur um Technik. Es geht ebenso um Vertrauen, Zusammenarbeit und den Willen, Verantwortung für die eigene Region zu übernehmen.

Wer frühzeitig Netzwerke aufbaut, offen Erfahrungen teilt und gemeinsam mit Kommunen, Wohnungsunternehmen und der lokalen Wirtschaft nach Lösungen sucht, kann viel bewegen.

Mein wichtigstes Fazit lautet deshalb: 

Die Wärmewende ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Sie lebt von Kooperation, gegenseitiger Unterstützung und dem Mut, neue Wege zu gehen. Bürgerenergiegenossenschaften können dabei eine zentrale Rolle übernehmen – als Initiatoren, Projektentwickler und langfristige Partner für eine klimaneutrale Energieversorgung vor Ort.

 

Wir danken Rico Steinz für das Interview.


Kontakt

Rico Steinz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Bürgerenergiegenossenschaft Ingolstadt e.G.

Email: info@beg-in.de

Website: https://beg-in.de/