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Energiewende auf Abwegen – Gastkommentar von Dr. Michael Huber
Mit Biomethan in eine teure Sackgasse
Am 18.05.2026 erschien in der Zeitung für Kommunalwirtschaft (ZfK) ein Artikel „Best Practice - Feuchtwangens Biomethan-Plan“. Die Stadtwerke der mittelfränkischen Gemeinde planen, in das 55 Kilometer lange Gasnetz künftig statt fossilem Erdgas Biomethan einzuspeisen. In der landwirtschaftlich geprägten Region wären Alternativen dazu viel zu teuer und Wärmepumpen keine Lösung, das sich der Gebäudebestand dafür überwiegend nicht eignen würde. Stattdessen ist nun geplant, eine neue Biogaserzeugungsanlage mit bis zu 88 GWh Leistung zu errichten, um den Bürgern einen „attraktiven Wärmepreis“ anbieten zu können. Perspektivisch könnte diese Anlage dann sogar „mehr als die 70 GWh Wärmebedarf ganz Feuchtwangens abdecken. Der Vorstand der Gemeindewerke ist sich sicher, dass es "gerade wegen der dramatischen geopolitischen Lage und den großen Abhängigkeiten wichtig sei, einen großen Teil der Wärmeenergie in Zukunft selbst vor Ort erzeugen zu können." (https://www.zfk.de/energie/waermewende/feuchtwangens-biomethan-plan)
Wärmeenergie vor Ort zu erzeugen ist ein guter Ansatz. Doch ist Biomethan dafür wirklich eine zukunftsfähige und wirtschaftliche Lösung, wie die Stadtwerke hier für Feuchtwangen propagieren? Dazu wollen wir zunächst die physikalischen Hintergründe einmal näher betrachten. Biogas ist eine durch Vergärung von organischem Material gewonnene Gasmischung mit ca. 50 % Methangehalt. Aus diesem Biogas entsteht durch Aufbereitung Methan als „Biomethan“ mit Erdgasqualität. Bei Einspeisung ins Erdgasnetz wird dieses Biomethan zu ca. 90 % für Heizzwecke verwendet. Bislang gibt es in Deutschland ca. 9600 Biogasanlagen und nur ca. 290 Biomethananlagen. Der Biomethan-Zubau kam bereits vor Jahren ins Stocken, da laut dena die Subventionierung für einen wirtschaftlichen Betrieb zu gering war. Im April 2026 gab es bei der letzten Ausschreibung der Bundesnetzagentur für die Einspeisung von Strom (!) aus Biomethananlagen nur 6 Zuschläge zu einem Abnahmepreis von 23 Cent/kWh. Rechnet man den nutzbaren Energiegehalt auf Heizwecke um, kommt man inklusive einer THG-Umlage von ca. 3 Cent/kWh auf einen Biomethan-Gestehungspreis von ca. 14,5 Cent/kWh. Bei einem aktuellen Erdgaspreis-Einkaufspreis von ca. 4,5 Cent/kWh und einem Gestehungspreis für Grünstrom von ca. 6 Cent/kWh wäre damit mein Kommentar eigentlich schon beendet. Doch nun bricht mit Ankündigung der sog. Biotreppe im Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) der Bundesregierung – und wohl auch in Erwartung neuer Subventionen – vielerorts geradezu eine Biomethan-Euphorie aus.
Biogas ist zu teuer sowie klima- und umweltschädlich
Bislang wird Biogas noch meist aus ca. 90 % Energiepflanzen (Mais, Zuckerrüben, Raps, Getreide) und ca. 10 % Gülle erzeugt. Diese Mischung ergibt das beste Verhältnis aus Gasertrag und Abnahmepreis. Für mit diesem Biogas erzeugten Strom bekommen die Altverträge bis zu 24 Cent/kWh (19,8 Cent/kWh Grundpreis + 4 Cent/kWh Güllebonus). Nach Atomstrom (inklusive Atommüll-Entsorgung bis zu 1 Euro/kWh) ist Biogas also die teuerste Stromerzeugung überhaupt. Allerdings laufen die auf 20 Jahre befristeten Altverträge nach und nach aus und ohne den Druck der Agrar-Lobby wäre dieses Dauersubventionsloch vernünftigerweise auch geschlossen worden. Denn Biogas ist nicht nur teuer, sondern die für die Energiepflanzen notwendige Stickstoffdüngung setzt das Treibhausgas N2O frei (Lachgas ca. 300-mal schädlicher als CO2) und verseucht das Grundwasser mit Nitrat. Auch die eingesetzten Herbizide, Fungizide und Pestizide belasten das Grundwasser und verringern die Artenvielfalt. Und schon jetzt gibt es in Deutschland nicht nur keine zusätzlich verfügbaren Anbauflächen für Energiepflanzen, sondern laut der ursprünglichen Planung der Nationalen Biomassestrategie müssten auch die bereits bestehenden zugunsten des Anbaus von Lebens- und Futtermitteln sowie von stofflich nutzbaren Pflanzen bis 2045 sogar auf Null reduziert werden. Und auch das Potenzial an Bioabfällen ist gering und konkurriert mit anderen Nutzungsmöglichkeiten.
Aufwändige Aufbereitung von Biogas zu Biomethan
Damit der Brennwert stimmt und die Verdichter, Leitungsrohre und Ventile nicht korrodieren, darf Erdgas maximal 2 % CO2 enthalten bzw. muss frei von Wasser und Schwefelverbindungen sein. Doch Biogas enthält nur ca. 50 % Methan, der Rest ist im Wesentlichen CO2, Wasser und etwas H2S. Der Schwefel wird entweder durch Aktivkohle oder durch chemische Wäsche entfernt. Das Wasser wird durch ein zweistufiges Verfahren entfernt. Für die CO2-Abtrennung gibt es wahlweise ca. 4 verschiedene, aber alle ziemlich aufwändige Verfahren (Membrantrennverfahren, Druckwasserwäsche, Aminwäsche, Kryogene Abtrennung). Und dann muss das so aufbereitete Biogas i. d. R. auch noch auf ca. 16 bar komprimiert werden. Neben der Investition in die Anlagen kostet diese Aufbereitung und Einspeisung laufend Energie und Geld.
Biomethan wird ein teurer Spaß
Die Gestehungskosten für Biomethan werden oft kleingerechnet indem die Gärsubstratkosten unterschätzt werden. So rechnet z. B. das Institut für Biogas mit dem Einsatz von 75 % Gülle und nur 25 % teuren Energiepflanzen – die Beschränkung auf 25 % ist übrigens durch den sog. Maisdeckel für Neuanlagen vorgeschrieben. Doch der Gasertrag aus Klärschlamm oder Gülle ist nur ca. 1/10 des Ertrags aus 100 % Mais. Das heißt, Biogas aus „Abfall“ wird nur dann wirtschaftlich, wenn alternativ anfallende teure Entsorgungskosten gegengerechnet werden. Früher wurde der Biogaserzeuger für den Einsatz von Gülle oftmals noch bezahlt, doch heute wird Gülle wieder vermehrt als Dünger eingesetzt, da sich – Stand 2026 – der Preis für Stickstoff-Kunstdünger seit Anfang 2021 um das 3,5-fache erhöht hat. Das gefährdet letztlich auch die Wirtschaftlichkeit beim Anbau der Energiepflanzen, so ist der Maisanbau bereits seit 2021 deutlich eingebrochen. Und seit sich der Preis für Stickstoff-Kunstdünger um das 3,5-fache erhöht hat, wird vielerorts auch Gülle knapp und teuer, da sie nun wieder vermehrt als Dünger eingesetzt wird.
Zu den Kosten für das Biogas kommen dann noch die Aufbereitungs- und Einspeisungskosten für das Biomethan hinzu. Kleine Biomethan-Aufbereitungsanlagen sind wesentlich unwirtschaftlicher als große, und die meisten Biogasanlagen liegen nicht an Erdgasnetzen. Leitungsbau oder der Transport von verflüssigtem Biogas hin zu großen Aufbereitungsanlagen können jedoch den Biomethanpreis um bis zu 5 Cent/kWh verteuern. Ein aktuelles Policy-Paper der Scientists for Future kommt deshalb zum Ergebnis, dass der Endkundenpreis für Biomethan in 2030 inklusive Netzentgelten bei 21,1 Cent/kWh und 2040 bei 28,3 Cent/kWh liegen wird.
Statt Biomethan fördern die Grünstromnutzung ausbauen!
Derzeit wird die Nutzung von Grünstrom durch fehlenden Ausbau der Stromnetze und Energiespeicher ausgebremst. Das Geld sollte also besser in diesen Ausbau investiert werden, statt es einer ineffizienten Auslauftechnologie wie Biomethan hinterher zu werfen. Dann macht auch ein beschleunigter Ausbau der Solar- und Windstromerzeugung Sinn, und der Ersatz fossiler Energieträger durch Grünstrom bei Gebäudewärme, für Prozesswärme in der Industrie und im Verkehr könnten endlich vorankommen. Vielleicht sollte sich die Stadt Feuchtwangen und ihre Stadtwerke noch einmal die angeblich „teureren Alternativen“, die vorläufig ausgeschlossen wurden, näher anschauen und vor dem Hintergrund der Fakten zu Biomethan ihre Planung überdenken – um ihren Bürgern auch in Zukunft einen „attraktiven Wärmepreis“ anbieten zu können.
Weiterführende Links:
- https://de.scientists4future.org/wp-content/uploads/sites/3/2024/09/Biogas_in_der_Energiewende_DocHu_S4F_V2_21_03_2025.pdf
- https://info-de.scientists4future.org/wp-content/uploads/sites/36/2026/03/Policy_Paper_10_Biobrennstoffe.pdf
Zum Autor:
Dr. Michael Huber ist promovierter Physikochemiker und beschäftigt sich seit 2005 beruflich intensiv mit der Energiewende. Heute ist er in den Fachgruppen Energie und Kommunaler Klimaschutz der Scientists for Futures aktiv. Praktische Erfahrung mit den Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Energiewende sammelt er als beratendes Mitglied in den Klimaschutzausschüssen von Stadtrat und Kreistag Celle.
Kontakt:
Dr. Michael Huber, Fachautor und Technical Consultant für Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit
Email: doc.hu@t-online.de
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