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Interview | Dr. Sarah Kajari-Schröder, Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen, KEAN

Frau Kajari-Schröder ist bei der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen, KEAN, im Bereich PV tätig, wobei ihr Fokus auf Kommunikation, Politik und Kommunen liegt. Ihre Expertise schöpft sie aus ihrer früheren Tätigkeit am Institut für Solarenergieforschung GmbH (ISFH) in Hameln, wo sie den Bereich PV-Zukunftstechnologie leitete. Sarah Kajari-Schröder ist überzeugt, dass Kommunen eine zentrale Rolle beim Ausbau der Photovoltaik spielen – sie können ihn entweder ermöglichen oder behindern.

 

Guten Tag Frau Kajari-Schröder, Sie sind sehr aktiv im Bereich Solarenergie für die KEAN. Würden Sie uns kurz Ihren Werdegang beschreiben? Und würden Sie uns sagen, was Sie persönlich für das Thema PV motiviert hat und wofür Sie sich in diesem Bereich besonders einsetzen möchten?

Ursprünglich Physikerin, suchte ich nach meiner Promotion nach einer sinnvollen Tätigkeit. Meine erste Stelle war am Institut für Solarenergieforschung GmbH (ISFH) in Hameln, dort wird angewandte Forschung mit wissenschaftlichen Themen kombiniert. Ich begann in der Modultechnologie und übernahm dann nach 2 Jahren die Leitung der PV-Zukunftstechnologie. Meine Motivation war es, PV kostengünstiger und effizienter zu machen. Nach 14 Jahren entstand der Wunsch, stärker in die Umsetzung zu gehen und Hürden für erneuerbare Energien abzubauen. Bei der KEAN kann ich jetzt meine Kenntnisse aus der Technik und Technologieentwicklung für Umsetzungsmaßnahmen aus dem Bereich PV nutzen, natürlich jetzt mit einem stärkeren Fokus auf Kommunikation, Politik und Kommunen.
 

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit bei der KEAN ist die Unterstützung für den Ausbau von PV im ländlichen Raum. Welche Hebel haben Kommunen aktuell für den PV-Freiflächen-Ausbau?

Kommunen spielen eine zentrale Rolle beim Ausbau der Photovoltaik – sie können ihn entweder ermöglichen oder behindern. Sie sollten für sich Klarheit schaffen, ob sie ihren Energiebedarf mit erneuerbaren Energien aus lokalen oder regionalen Anlagen decken möchten. Um dies fokussiert anzugehen und gegenüber ihren Bürger*innen transparent zu sein, ist es ratsam, sich den Ausbau von PV-Freiflächen offiziell als Ziel zu setzen.

Kommunen haben verschiedene Möglichkeiten, den Ausbau aktiv anzugehen. Sie können selbst nach geeigneten Standorten suchen und dann Bauleit- und Flächennutzungspläne vorbereiten. Zudem sollten sie prüfen, ob sie Flächen für eigene Anlagen nutzen können, da jede Freiflächenanlage lokale Wertschöpfung bringt. Wenn Kommunen PV-Anlagen selbst betreiben oder sich daran beteiligen, kommt es zu echten monetären Einkünften. Es gibt Kommunen, die sich mit EE-Anlagen sogar sanieren konnten. Ein klassisches Beispiel ist eine Anlage neben einem Klärwerk, die sich immer rentiert.

Eine weitere Planungsoption ist die Entwicklung eines Kriterienkatalogs mit zu erfüllenden Bedingungen, wie Sichtbarkeit, Abstände von Flächen, Anlagenbetreiber oder Bürgerbeteiligung. Bei der Entwicklung eines solchen Katalogs ist es wichtig, im ersten Schritt die Kriterien und den Umfang festzulegen und im zweiten Schritt die Umsetzung zu planen.
 

Können nicht auch Projektierer die Anlagen umsetzen?

Natürlich ist es auch möglich, Projektierer auf sich zukommen zu lassen, aber Kommunen haben einen großen Vorteil, wenn sie die Planung und Umsetzung selbst steuern. Letztendlich ist das wichtigste Ziel, den Ausbau voranzutreiben. PV-Freiflächen sind unerlässlich, und können später durch die kleinteiligen Flächen auf den Dächern ergänzt werden. Außerdem sind PV-Freiflächen keine dauerhaften Einrichtungen und können z. B. nach 20 Jahren zurückgebaut und möglicherweise renaturiert werden. Man kann dann entscheiden, ob man die Anlage erneuert oder anderweitig verwendet. 

Je größer die Anlagen sind, desto eher lohnt es sich, eine Anlage außerhalb der EEG-Förderung zu betreiben, insbesondere, wenn man z. B. wie die Friesen Elektra Green Energy AG aus Sande in Niedersachsen einen Großabnehmer für den Strom, in diesem Fall die Salzgitter AG, gewonnen hat.
 

Was kann aus Ihrer Sicht in Kommunen getan werden, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen? Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es auf Planungsebene?

Wenn man aktiv die Planung vorantreibt und klar definiert, wo die PV-Anlagen entstehen sollen, kann die Bauleitplanung im Vorfeld entsprechend angepasst werden, um den Prozess zu beschleunigen. Eine Grundsatzentscheidung durch den Bürgermeister oder den Gemeinderat signalisiert, dass der Ausbau gewollt ist, was wiederum zu einer Beschleunigung führen kann. Die Mitarbeitenden in der Verwaltung und in den Behörden sind oft motivierter, wenn sie sehen, dass ein gemeinsamer und kooperativer Ansatz verfolgt wird. Daher ist es wichtig, hier eine gute Zusammenarbeit und Kommunikation auf zwischenmenschlicher Ebene herzustellen.
 

Welche Kommunikationsstrategien helfen, um den PV-Ausbau zu beschleunigen? Wie kann man die Zivilgesellschaft für PV-Freiflächen-Projekte aktivieren?

Interne und externe Kommunikation in den Behörden und in der Kommune sind von entscheidender Bedeutung. Dialogformate, z. B. das Format Vision:En 2040PLUS, fördern den Austausch über die optimale Standortwahl für PV-Anlagen und tragen dazu bei, bessere Lösungen zu entwickeln und das Verständnis dafür zu verbessern. Wenn Anlagen in kommunaler Hand sind, können die Einnahmen für kommunale Investitionen genutzt werden, unterstützt durch das Niedersächsische Beteiligungsgesetz. Maßnahmen wie die Förderung von Balkonkraftwerken können außerdem die Akzeptanz für PV-Anlagen steigern und positive Erfahrungen mit der Technologie fördern. Die Sichtbarkeit von PV-Anlagen, insbesondere an Schulen, trägt dazu bei, dass PV-Anlagen als Normalität wahrgenommen werden und die Akzeptanz für die Energiewende insgesamt steigt.

Ein Vergleich unter Landkreisen und Kommunen kann dazu dienen, die lokale Motivation für den Ausbau zu steigern. Die KEAN bietet aufbereitete Marktstammdaten zum PV-Ausbau gegliedert nach Landkreisen an, auf Nachfrage auch auf Gemeindeebene, und veröffentlicht Auswertungen mit Grafiken auf ihrer Website. Regionale Partner wie Landkreise nutzen diese Daten, um den Ausbau in ihren Gemeinden zu verfolgen, wobei verschiedene Anlagentypen identifiziert werden können. Die Daten für 2023 stehen bereits allen zur Verfügung (Datenstand: 2/2/24).
 

Wie geht man mit der häufig vorhandenen Herausforderung des Netzanschlusses am besten um?

Die Abhängigkeit von Netzbetreibern ist unbestreitbar, aber mit einer strategischen Planung kann man ihr proaktiv begegnen. Es macht Sinn, den Betreiber frühzeitig über Ausbaupläne zu informieren, da Lieferzeiten für große Transformatoren oft mehr als zwei Jahre dauern. Durch die klare Kommunikation, wo der Schwerpunkt des PV-Ausbaus liegen soll, kann im Dialog mit den Netzbetreibern ermittelt werden, wo sie bereits planen. Dies kann dazu führen, dass bestimmte Flächen ausgeschlossen oder andere priorisiert werden.

In den Kommunen sind in erster Linie die Klimaschutzmanager*innen für dieses Thema verantwortlich. Je nach Umfeld benötigen sie unterschiedlich viel Unterstützung, auch von der obersten Führungsebene. Ausreichende zeitliche Ressourcen sind ebenfalls erforderlich. Obwohl Klimaschutzmanager*innen oft sehr aktiv im PV-Ausbau sind, ist das Themenspektrum breit gefächert. Wichtige Verbündete sind lokale Netzwerke und (regionale) Energieagenturen. Dort, wo Bürgerenergiegesellschaften vorhanden sind, können sie ebenfalls eine wertvolle Rolle spielen.
 

Im Bundestag wurde am 26. April das „Solarpaket 1“ beschlossen. Welche Chancen – aber vielleicht auch Hemmnisse – entstehen aus Ihrer Sicht durch die neue Gesetzgebung für den PV-Freiflächenausbau in Kommunen? 

Das Solarpaket ist erst einmal grundsätzlich notwendig und bringt Erleichterungen für den PV-Ausbau insgesamt. Mit der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung wird das Segment Mehrfamilienhäuser „aufgeschlossen“ – bisher war dieses Segment eher kompliziert und nicht so attraktiv. Auch für die Vollbelegung der Dächer wird es künftig Vereinfachungen geben. Bisher ist es so, dass man einen Direktvermarkter finden muss, z. B. wenn man mit der Anlage über die 100 kWp-Grenze kommt. Jetzt darf man Überschüsse aber auch unentgeltlich einspeisen, was vor allem für Anlagen mit hohem Eigenverbrauch vorteilhaft ist, die in der Praxis Schwierigkeiten haben können, einen Direktvermarkter zu finden.

Was das Thema Freifläche angeht, müssen oftmals nicht nur Leitungen verlegt werden, sondern auch Zuwege gebaut werden. Ursprünglich war eine Duldungspflicht für Leitungen und Zuwege bei privaten Eigentümern gegen Entlohnung vorgesehen, die aber als zu niedrig angesehen wurde. Die Duldungspflicht besteht nun für Gelände in öffentlicher Hand, aber nicht für private. Das bedeutet für Kommunen, dass sie jetzt auf ihrem Gelände solche Leitungen und Wege akzeptieren müssen und sich nicht mehr dagegen sperren können. Vor dem Hintergrund, dass es einen Zeitraum gibt, in dem gegraben wird, (und wenn man ggf. Wege später auch für Wartungszwecke nutzt) kann man teilweise schon verstehen, dass Eigentümer sensibel reagieren. Z. B. ein landwirtschaftlicher Betrieb, der einen Acker von 30-40 Meter Breite für ein Jahr aufgeben muss. In solchen Fällen wird es nun umso wichtiger, dass man in den konstruktiven Dialog geht und eine für alle Seiten akzeptable Lösung findet, wenn man ein PV-Freiflächenprojekt realisieren will.
 

Was würden Sie abschließend Kommunen empfehlen, die den PV-Ausbau auf -Freiflächen voranbringen möchten? Wie sollten sie vorgehen? Was sollten sie priorisieren?

  • Steuern Sie das Thema aktiv und überlegen Sie, ob der Bau einer eigenen Anlage, die zur lokalen oder regionalen Wertschöpfung beiträgt, nicht am sinnvollsten ist.
  • Identifizieren Sie frühzeitig potenzielle Flächen, um die Energiewende in ihrem Gebiet voranzutreiben.
  • Haben Sie keine Scheu vor Freiflächen: die Anlagen sind in der Regel rückbaubar und der Rückbau kann in Kriterienkatalogen festgelegt werden.
  • Vernetzen Sie sich mit anderen Klimaschutzmanager*innen und nutzen Sie das Know-how aus kommunalen Netzwerken und von Energieagenturen.
  • Berücksichtigen Sie den Fachkräftemangel, der eher für die Belegung von großen Flächen mit größeren Anlagen spricht; beim Vergleich von Anlagen mit 10 MW und mit 100 MW gibt es durchaus Skalierungseffekte, z. B. bei Planungsprozessen.

Noch ein letzter Satz zum PV-Ausbau in Niedersachsen: Nach der Auswertung unserer PV-Daten war 2023 ein absolutes Rekordjahr, es gab einen mehr als doppelt so großen Zubau wie in 2022. Trotzdem dürfen wir uns darauf nicht ausruhen, denn wir benötigen eine weitere Steigerung des jährlichen PV-Zubaus von jeweils 18%, um die Landesziele zu erreichen. Hierbei sollten wir die „Low-Hanging Fruits“ zuerst ernten, also die großen Dächer und insbesondere die Freiflächen und dort vor allem die privilegierten Gebiete.
 

Wir danken Frau Kajari-Schröder für das Interview!

 

Kontakt: Dr. Sarah Kajari-Schröder, Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen (KEAN) (sarah.kajari-schroeder@klimaschutz-niedersachsen.de)